Vorbemerkung in teils polemischer Absicht

Johannes Agnoli

Eingangs, und zum Behuf eines geeigneteren Verständnisses der neu vorgelegten Texte soll einiges klargestellt werden.

Wer die Revolte von “1968” mitgemacht, mitgetragen, mitgenossen hat und nicht nur in der Form der Sympathie dabei war, sieht keinen Grund, sich von ihr zu distanzieren. Nicht nur. alle Abwertung, alle Denigration, alle Verleumdung, die inzwischen zum 30 jährigen Jubiläum üblich geworden sind, lassen ihn vollkommen kalt. Die Revolte (übrigens eine europäische, und keine bloß deutsche, oder Berliner, oder Frankfurter) stellte einen gesellschaftlich-geschichtlich notwendigen Bruch in einer verfault gewordenen Lage dar.

Für einige der damals Beteiligten scheint freilich die Sache anders verlaufen zu sein. Sie halten es für notwendig, sich in das Spiel der als Kritik getarnten Verleumdung einzuschalten.

Dazu hat Oskar Negt das richtige Wort gefunden in seinem Buch über “Achtundsechzig” - einem sehr schönen und sehr guten Werk, obzwar zu umfangreich geraten (das sage ich vielleicht aus Neid darüber, daß ich kein dickes Buch geschrieben habe). Also Oskar Negt: “Dieses Buch ist im Zorn und gegen das Vergessen geschrieben. Zornig bin ich, weil ich in der Intellektuellen Landschaft der deutschen Gesellschaft ... immer mehr öffentliche Auftritte von Personen wahrnehme, die sich selbst als ‘68er bezeichnen, um mit glaubwürdiger Geste alles abwerten zu können, wofür sie sich einst haben schlagen lassen.”

Dieser Zorn ist auch mein Zorn. Er richtet sich gewiß nicht gegen die Abwerter von rechts, noch gegen die diversen Kraushaar und Schmid, die Kritik (natürlich “objektive”), Abwertung und Verleumdung all dessen, was von links kommt und vor allem in der ‘68er Revolte gipfelte, beruflich ausüben. Wohl aber gegen die Distanzierer, die heute sich ereifern in der Behauptung, sie seien “im Grunde” schon damals verfassungstreue Bürger, Verfassungspatrioten, die eher zufällig in den Strom der Ereignisse geraten seien. “Im Grunde”? Mitnichten. Einige von ihnen, vor allem ehemals Mitglieder der berühmt-berüchtigten Novembergesellschaft zu Berlin, gehörten durchaus zu den radikalsten Elementen und hielten am Prinzip der “lügenhaften Publizität” konstitutioneller Regelungen (Kant, Streit der Fakultäten) fest.

Nicht, daß eine Meinungsänderung unstatthaft sei, zumal damals sie selber realtiv jung waren. Ich kann wohl kaum etwas dagegen sagen, wenn ich an meine eigene Entwicklung denke. Dazu Biographisches, da die Biographie als heutige Mode zur DDR-Erbschaft gehört. Ich war immerhin im Alter von 17 Jahren als Gymnasiast in Belluno nientepopodimeno che Provinzialleiter der Oberschuljugend in der Gioventù Italiana del Littorio, der faschistischen Jugendorganisation. Nur war mein Weg der Änderung durch allerlei Ereignisse gekennzeichnet. Kriegsdienst, Kriegsgefangenschaft, Fabrikarbeit: keine “verlorenen Jugend” übrigens, sondern spannend und gewinnträchtig (die dreieinhalb Jahre Kriegsgefangenschaft in Ägypten gehören zu den wichtigsten und besten Jahren meines Lebens). Dabei käme ich nie auf die Idee, zu behaupten, ich sei damals, in Belluno, “im Grunde” immer ein radikaler Demokrat, gar ein Liberaldemokrat und allemal ein Antifaschist gewesen.

Das verblüffende an der Änderung der ehemaligen ‘68er und jetzigen Abwerter liegt für mich darin, daß sie sich “im Grunde” im Wohlstand, ohne Not und aus reiner Opportunität gewendet haben: die westlichen Wendehälse.

Noch schlimmer allerdings als diese Abwerter sind die selbsternannten Nachlaßverwalter, vor allem der bekannteste B.R., der - damals eher eine Randfigur - sich nunmehr zu Berlin zum Hauptanführer der Bewegung (”mit Dutschke”) heraufspielt, um in erbärmlicher Weise die Revolte selbst auf das Geringe herunterzuspielen, das er selber war.

Nun zurück zu Negts Buch. Ich gebe nur zu bedenken, daß Negt - durchaus zu Recht - die Revolte aus Frankfurter Sicht schildert und beurteilt. In die Einzelheiten des Unterschieds zwischen Berlin und Frankfurt gehe ich in einem der vorgelegten Texte ein. Hier nur emblematisches. Negts Einschätzung der Rolle von Jürgen Habermas ist typisch Frankfurterisch. Wir in Berlin betrachteten diesen großen deutschen Philosophen keineswegs als Mentor der Studentenbewegung, sondern eher als Gegner. Zur Frankfurter Schule eine Bemerkung: Ich gehörte nie zu ihr und habe sie häufig kritisiert. Heute aber muß sie in Schutz genommen werden, müssen ihre Bedeutsamkeit und ihre Größe, auch ihre Wahrhaftigkeit erneut bekräftigt werden, angesichts des Schicksals, das dem Frankfurter Institut für Sozialforschung widerfahren ist. Aus der Werkstätte der negativen Dialektik und der , wenn auch nur theoretischen, gesellschaftlichen Negation wurde inzwischen ein Laden politisch-agiographischer Waren. Dem Institutsdirektor Helmut Dubiel bescheinige ich allerdings, daß er in einem Punkt in der Adorno-Tradition steht. In einem bedeutsamen Aufsatz, dessen Titel ich vergessen habe, entwarf er eine neue Ästhetik die weit über die Kantsche hinausgeht. Hatte Kant das widersprüchliche Verhältnis vom Schönen und Erhabenen begrifflich geklärt, so stiftet Dubiels neue Ästhetik das Identitätsverhältnis vom Schönen und Ärgerlichen.

Ein zweiter Punkt bezieht sich aus Negts Urteil über die RAF. Nicht etwa, daß ich in der Kritik an den - sagen wir ‘s ruhig - Missetaten der RAF anders dächte als Negt. Es gilt aber, das Verhältnis der RAF allgemein zur Revolte, genauer zur Außerparlamentarischen Opposition (ApO) klarer zu stellen. Die RAF war ein Kind der ApO, genauso wie in Italien die Roten Brigaden aus der Revolte der Jugend und der Arbeiter entstanden. Darüber gibt es für mich keinen Zweifel. Meine Kritik an der RAF bezieht sich auf ihre zerstörerischen, selbstzerstörerischen Irrtümer in der Beurteilung der allgemeinen Lage und in der Anwendung ihrer Methode des angeblichen bewaffneten Kampfes. Nach der Ermordung des Chefs des Bundeskriminalamtes Bubak wies der Mescalero in seinem berühmten Artikel auf das Wesentliche hin: Der Weg zur Emanzipation kann nicht mit Leichen gepflastert sein. An diese einfache Weisheit und Wahrheit hielt sich die RAF nicht; sie zog offensichtlich vor, sich an Rainer Maria Rilkes unheilvollem Gedicht zu orientieren: Fern von dem Schauenden sei jeglicher Hauch des Bedauerns (...) Töten ist eine Gestalt unseres wandernden Trauerns. (Sonette an Orfeus, zweiter Teil XI) Töten ist vielmehr einfach Zerstörung von Leben.

Hinzu kommt die Absurdität und die Sinnlosigkeit von Tötungen, bei denen die RAF meinte das Herz des Staates zu treffen. Bubak und Schleyer wurden getötet - aber weder löste sich das Bundeskriminalamt auf, noch änderte der Bundesverband Deutscher Industrie seine Politik. Nachfolger rückten schnell an die Stelle der Getöteten. Das ist die Macht der Institutionen: morto un Papa, se ne fa un altro.

Abermals hat Ulrike Hoffmann die italienischen Texte ins Deutsche übertragen. Ihre Sprache, ihr Stil sind gewiß nicht von mir. Dabei aber zeigt sich etwas Interessantes. Der eigene Text kommt einem als fremd entgegen, als ob ein anderer geschrieben hätte. Dadurch ist es leichter, zu erkennen, was man da dahergeredet hat: Bedeutsames und Belangloses, Richtiges und Irriges.

Die Sprache also: Der Leser wird feststellen, daß ich mich damals am Prinzip der political correctness, das es damals ohnehin noch nicht gab, nicht hielt. Heute übrigens genausowenig. Ich mache diese postmoderne Fassung der Sprachregelung unseliger Herkunft nicht mit. Wahrscheinlich werde ich dabei von der politischen Kultur Italiens beeinflußt. Hierzulande gilt die “P.C.”-Sprachregelung als Domäne der Rechten. Von den linken Intellektuellen bis zu den Liberalen, von Umberto Eco bis Alberto Albasino sieht man in ihr eher den heuchlerischen Versuch, gesellschaftliche Mißstände semantisch zu übertünchen.

Gewiß haben wir in der Revolte Fehler gemacht: zu Hauf. Fehler in der Erarbeitung möglicher Strategien, in der Analyse der gesellschaftlichen Wirklichkeit - hin bis zur Formulierung der Probleme. Für einige dieser Fehler legen die hier neu gedruckten Texte selbst Zeugnis ab.

Dennoch war die Revolte nicht nur notwendig, sondern auch zwar kein Erfolg, aber dennoch geschichtlich wirksam. Revolten kennen im allgemeinen nur das Scheitern, sonst wären sie Revolutionen. Die gescheiterte Revolte indessen greift in die Geschichte ein, sie setzt Zeichen, die teils verschwinden, um später wieder aufzutauchen, sie verändern doch die Welt.

1968 hat ganz Europa verändert. Diese Revolte bietet uns keine gültige Antwort einer völlig anders gewordenen Welt. Sie hinterläßt uns aber die richtigen Fragen. Und das ist gut so, denn es ist wieder soweit: “Ein Gespenst geht um in Europa” und in der ganzen Welt.

Johannes Agnoli
San Quirico di Moriano Agosto 1998

Trennmarker

Als  bild  downloaden