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Das Proletariat
Moishe Postone
Ich kann nun zu der Frage nach der historischen Rolle der Arbeiterklasse
und dem grundlegenden Widerspruch des Kapitalismus zurückkehren und
darlegen, wie sie in der späten Marxschen kritischen Theorie implizit
beantwortet wird. Mit meiner Konzentration auf seine Analyse der für
den Kapitalismus konstitutiven strukturierenden Formen gesellschaftlicher
Vermittlung habe ich zeigen können, daß nicht der
Klassenkonflikt an und für sich die historische Dynamik des
Kapitalismus erzeugt, und daß er nur deshalb ein treibendes Element
dieser Entwicklung ist, weil er durch gesellschaftliche Formen strukturiert
ist, die eine Dynamik aus sich heraus besitzen. Wie festgestellt,
widerspricht die Marxsche Analyse der Auffassung, der Kampf zwischen der
Kapitalistenklasse und dem Proletariat sei einer zwischen der herrschenden
Klasse im Kapitalismus und einer, die den Sozialismus verkörpere, und
der Sozialismus bedeute deshalb die Selbstverwirklichung des Proletariats.
Diese Vorstellung entspringt notwendig dem traditionellen Verständnis
des grundlegenden Widerspruchs des Kapitalismus als einem zwischen
industrieller Produktion auf der einen, Markt und Privateigentum auf der
anderen Seite. Dabei wird jede der beiden großen Klassen des
Kapitalismus mit einer Seite dieses angenommenen Widerspruchs identifiziert
und der Antagonismus zwischen Arbeitern und Kapitalisten als
gesellschaftlicher Ausdruck des strukturellen Widerspruchs zwischen den
Produktivkräften und den Produktionsverhältnissen interpretiert.
Diese gesamte Konzeption beharrt auf einem Begriff von
›Arbeit‹ als transhistorischer Quelle gesellschaftlichen
Reichtums und als dem konstituierenden Element gesellschaftlichen
Lebens.
Ich habe die dieser Vorstellung zugrundeliegenden Annahmen umfassend
kritisiert, indem ich die Marxsche Unterscheidung zwischen abstrakter und
konkreter Arbeit, Wert und stofflichem Reichtum nachzeichnete und als
zentral für seine kritische Theorie auswies. Auf der Grundlage dieser
Unterscheidungen habe ich die Dialektik von Arbeit und Zeit entwickelt, die
den Kern der Marxschen Analyse der für den Kapitalismus
charakteristischen Muster von Wachstum und Entwicklungsverlauf der
Produktion ausmacht. Weit davon entfernt lediglich die Materialisierung der
Produktivkräfte darzustellen, die strukturell im Widerspruch zum
Kapital stehen, ist die auf dem Proletariat basierende industrielle
Produktion ihrem inneren Wesen nach durch das Kapital geformt. Sie ist die
materialisierte Form sowohl der Produktivkräfte als auch der
Produktionsverhältnisse. Deshalb kann sie nicht als eine Art und Weise
des Produzierens aufgefaßt werden, die unverändert dem
Sozialismus als Grundlage dienen könnte. Die historische Negation des
Kapitalismus in der späten Marxschen Kritik kann nicht verstanden
werden, wenn sie den Bedingungen einer Transformation der
Distributionsweise gemäß formuliert sind, die der industriellen,
im Kapitalismus entwickelten Produktionsweise entsprechen.
Es ist ebenfalls deutlich geworden, daß das Proletariat in der
Marxschen Analyse nicht den gesellschaftlichen Repräsentanten einer
möglichen nicht-kapitalistischen Zukunft darstellt. Die logische
Stoßrichtung der Marxschen Entfaltung des Kapitalbegriffs, also
seiner Analyse der industriellen Produktion, steht im vollkommenen
Widerspruch zu den traditionellen Annahmen vom Proletariat als
revolutionärem Subjekt. Für Marx ist die kapitalistische
Produktion durch eine enorme Ausdehnung der gesellschaftlichen
Produktivkräfte und des gesellschaftlichen Wissens charakterisiert,
die sich unter den vom Wert bestimmten Bedingungen konstituiert und deshalb
in entfremdeter Form als Kapital existiert. Mit der vollständigen
Entwicklung der industriellen Produktion werden diese Produktivkräfte
des gesellschaftlichen Ganzen größer als die kombinierten
Fähigkeiten, größer als die Arbeit und die Erfahrung des
Gesamtarbeiters. Sie sind gesellschaftlich-allgemein und
repräsentieren die akkumulierten Erfahrungen und Potenzen der
Menschheit, die sich als solche selbst in entfremdeter Form konstituieren.
Als die objektivierten Potenzen des Proletariats können sie jedenfalls
nicht adäquat verstanden werden. »Tote Arbeit«, um Marxens
Begriff zu gebrauchen, ist nicht mehr nur die Vergegenständlichung
»lebendiger Arbeit« – sie wurde zur
Vergegenständlichung historischer Zeit.
Marx zufolge wird die Erzeugung von stofflichem Reichtum mit der
Entwicklung der kapitalistischen industriellen Produktion immer weniger von
der Verausgabung unmittelbarer menschlicher Arbeit in der Produktion
abhängig. Dennoch spielt solche Arbeit auch weiterhin insofern eine
notwendige Rolle, als die Produktion von (Mehr) Wert notwenig von ihr
abhängt. Die strukturell begründete Rekonstitution des Werts, die
wir oben untersucht haben, ist gleichzeitig die Rekonstitution der
Notwendigkeit proletarischer Arbeit. Dies resultiert darin, daß
proletarische Arbeit mit der fortdauernden Entwicklung der kapitalistischen
industriellen Produktion vom Standpunkt der Produktion von stofflichem
Reichtum zunehmend überflüssig und deshalb letztlich
anachronistisch wird – als Quelle des Werts bleibt sie allerdings
notwendig. Je mehr sich das Kapital entwickelt und diese Dualität zum
Tragen kommt, desto mehr entleert und fragmentiert es genau die Arbeit, die
es für seine Konstitution benötigt.
Die von Marx analysierte ›Ironie‹ dieser Situation besteht
darin, daß sie durch proletarische Arbeit selbst konstituiert wird.
Es ist in dieser Hinsicht von Bedeutung, daß Marx bei der
Erörterung der polit-ökonomischen Kategorie der
›produktiven Arbeit‹ diese nicht als eine gesellschaftliche
Tätigkeit behandelt, die Gesellschaft und Reichtum im allgemeinen
konstituiert – anders gesagt, er behandelt sie nicht als
›Arbeit‹. Vielmehr definiert er produktive Arbeit im
Kapitalismus als Arbeit, die Mehrwert produziert, was gleichbedeutend damit
ist, daß sie zur Selbstverwertung des Kapitals beiträgt. (MEW
23, 532) Dadurch verwandelt er eine ehemals transhistorische und
affirmative Kategorie der politischen Ökonomie in eine, die historisch
spezifisch und kritisch ist, darin erfassend, was für den Kapitalismus
zentral ist. Gegen eine Glorifizierung produktiver Arbeit argumentiert
Marx:
Der Begriff des produktiven Arbeiters schließt daher keineswegs
bloß ein Verhältnis zwischen Tätigkeit und Nutzeffekt ...
ein, sondern auch ein spezifisch gesellschaftliches ...
Produktionsverhältnis, welches den Arbeiter zum unmittelbaren
Verwertungsmittel des Kapitals stempelt. Produktiver Arbeiter zu sein ist
daher kein Glück, sondern ein Pech. (MEW 23, 532)11
Anders gesagt: produktive Arbeit ist die strukturelle Quelle ihrer
eigenen Beherrschung.
In der Marxschen Analyse kommt dem Proletariat also weiterhin eine
strukturell wichtige Funktion für den Kapitalismus zu: Quelle des
Werts zu sein, nicht jedoch Quelle des stofflichen Reichtums. Dies ist dem
traditionellen Verständnis vom Proletariat diametral entgegengesetzt.
Weit davon entfernt, die vergesellschafteten Produktivkräfte
darzustellen, die in Widerspruch mit den kapitalistischen
gesellschaftlichen Verhältnissen geraten und dadurch auf die
Möglichkeit einer postkapitalistischen Zukunft verweisen, ist die
Arbeiterklasse für Marx das wesentliche, konstituierende Element
dieser Verhältnisse selbst. Sowohl Arbeiterklasse als auch
Kapitalistenklasse bleiben an das Kapital gebunden, die erstere jedoch um
einiges mehr: das Kapital könnte ohne Kapitalisten existieren, jedoch
nicht ohne wertproduzierende Arbeit. Der Logik der Marxschen Analyse
zufolge ist die Arbeiterklasse, statt eine mögliche zukünftige
Gesellschaft zu verkörpern, die notwendige Grundlage derjenigen, unter
der sie leidet: der gegenwärtigen. Sie ist an die bestehende Ordnung
auf eine Art und Weise gebunden, die sie zum Objekt der Geschichte
macht.
Kurz gesagt weist die Marxsche Analyse des Entwicklungsverlaufs des Kapitals in keiner Weise auf die mögliche Selbstverwirklichung des Proletariats – als dem wahren Subjekt der Geschichte – im Sozialismus hin.12 Ganz im Gegenteil verweist sie, als Bedingung für Emanzipation, auf die mögliche Abschaffung des Proletariats und der von ihm verrichteten Arbeit. Diese Interpretation reflektiert notwendigerweise das Verhältnis der Kämpfe der Arbeiterklasse in der kapitalistischen Gesellschaft zur möglichen Aufhebung des Kapitalismus in neuer Weise – ein Thema, das wir in dieser Arbeit nur streifen können. Sie läuft darauf hinaus, daß die durch die Marxsche Kritik implizierte mögliche historische Negation des Kapitalismus nicht so verstanden werden kann, als würde sich das Proletariat das, was es konstituiert hat, wieder aneignen, also bloß in der Abschaffung des Privateigentums bestünde. Vielmehr impliziert die logische Stoßrichtung der Marxschen Darstellung eindeutig, daß man sich diese historische Negation als Wiederaneignung der gesellschaftlich-allgemeinen Fähigkeiten, die letztlich nicht in der Arbeiterklasse ihren Ursprung haben und historisch in entfremdeter Form als Kapital konstituiert wurden, durch alle Menschen vorstellen sollte.13 Eine solche Wiederaneignung setzt die Abschaffung der strukturellen Grundlage dieses Entfremdungsprozesses – Wert, und somit proletarische Arbeit – voraus. Das historische Auftreten dieser Möglichkeit hängt wiederum von dem Widerspruch ab, der der kapitalistischen Gesellschaft zugrundeliegt.