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ça ira Verlag |
Vorwort
Uwer, Osten-Sacken, Woeldike
»Auf die Agenda zu setzen wären die Kautelen für die Rückkehr des imperialistischen Outlaws in die Rechtssphäre zivilisierter Nationen. (...) ›Lernen durch Leiden‹ muß die Devise für Bush & Co. (...) lauten, ansonsten ist der nächste (Präventiv-)Krieg längst programmiert. Der Imperator und sein Volk sollten schnellstens begreifen, daß selbst die Macht des Imperium Americanum nicht ausreicht, sich den Globus untertan zu machen. Es sollte demnach das zentrale Interesse deutscher Außenpolitik sein, alles zu unternehmen, was den bitter nötigen Erkenntnisprozeß der ›Stupid White Men‹ am Potomac befördert, und alles zu unterlassen, was als Signal der Akzeptanz oder gar Beihilfe zum Kriegsfuror Amerikas gedeutet werden kann.«
Dipl. Päd. Jürgen Rose, Oberstleutnant der Bundeswehr, »Freitag«, 22.8.03
»Wenn es um nichts anderes ginge als um Mißverständnisse, Fehlinterpretationen und um gelegentlich heftige Ausbrüche von Ressentiment und Abneigung, dann wäre diese Angelegenheit allenfalls von historischem, also begrenztem Interesse.«1 Nur zu gerne würde man auch den jüngsten Anlauf, den Deutschland gegen Amerika unternommen hat, als eine jener »Mißperzeptionen«2 abtun, mit denen vor allem konservative Politikwissenschaftler Spannungen im deutsch-amerikanischen Verhältnis gerne erklären. Die gegen die Vereinigten Staaten eingeschlagene Politik der deutschen Administration zumindest weist, mißt man das Erreichte an den erklärten Zielen, eine derart klägliche Bilanz auf, daß es schwerfällt, in dem von Gerhard Schröder propagierten »deutschen Weg« mehr als eine historische Randnotiz zu sehen. Von ihrem Vorhaben, den irakischen Diktator Saddam Hussein zu stürzen, haben sich die Vereinigten Staaten sowenig abbringen lassen, wie die Vereinten Nationen nach deutscher Prognose in Staub zerfielen. Vom deutschen Projekt einer »gemeinsamen europäischen Außen- und Sicherheitspolitik« unter Vorsitz des Bundesaußenministers Fischer ist kaum mehr die Rede, seit sich herausgestellt hat, daß ein nicht unerheblicher Teil Europas in außenpolitischen Fragen von Bedeutung eher den Vereinigten Staaten traut als den europäischen Führungsmächten Deutschland und Frankreich, die sich von einem regelrechten Cordon sanitaire der »Koalition der Willigen« umschlossen fanden.
»Die deutsche Politik wie diejenige Frankreichs in Bezug auf die USA war 2002 und Anfang 2003 durch einen Realitätsverlust gekennzeichnet, der durchaus autistische Züge trägt«, attestiert der Politikwissenschaftler Joachim Krause der »europäischen« Haltung. »Beide Regierungen rechtfertigen ihr Vorgehen mit der Notwendigkeit, ein Gegengewicht zu den USA zu schaffen. Gleichzeitig sind sie aber unfähig, irgendeine Form der wirklich relevanten Gegenmacht aufzubauen. Auch fehlt es – außer allgemeinen Erklärungen über die Notwendigkeit der Achtung des Völkerrechts – an einem wirklichen Alternativkonzept ... Man fragt sich, was Sinn und Zweck einer solchen Außenpolitik ist, die eine klare Interessenverankerung ebenso vermissen läßt wie ein entsprechendes Problembewußtsein.«3 Der kurze Moment jedenfalls, als Deutschland sich angesichts des nahenden Irakkrieges wieder im Zentrum des Weltgeschehens wähnte, ist vorerst vorbei. Die Aufmerksamkeit, die der deutschen Politik in den folgenden Beiträgen dennoch gewidmet wird, ignoriert dies keineswegs, sondern setzt als bekannt voraus, daß unzufriedene und erfolglose Deutsche nicht weniger destruktive Energie zu entwickeln in der Lage sind als erfolgreiche. Es wäre daher auch blauäugig, die deutsche Haltung im Irakkonflikt lediglich als Ausdruck einer vorübergehenden Störung im »transatlantischen Verhältnis« abzutun. Der »Trick« mit dem Antiamerikanismus liegt eben darin, daß er sich vom eigenen Mißerfolg nicht widerlegen läßt.
Der Hinweis auf die Erfolge
Amerikas taugte noch nie zum Argument gegen den Antiamerikanismus. Das
Bewußtsein, zu einer sich verändernden Welt lediglich als
Verlierer zu gehören, nährte und nährt den Haß in
gleicher Weise wie die Angst um Privilegien, die von einer Umwälzung
der Verhältnisse bedroht sind.4 In beidem wird Amerika für jene
Veränderung gehaßt, die unweigerlich kommt und zugleich stets
unverstanden bleibt. Nicht aufgrund einer erfolgreichen Abwendung Europas
von den Vereinigten Staaten erschien Hannah Arendt der europäische
Antiamerikanismus bereits zu Beginn der fünfziger Jahre als zentrale
Herausforderung, sondern weil sie in ihm die Tendenz angelegt sah, zu einem
in sich schlüssigen, welterklärenden System zu werden, innerhalb
dessen die Richtigkeit der Annahmen nicht mehr an den Tatsachen
überprüft, sondern umgekehrt Tatsachen und Ereignisse nur dann
akzeptiert werden, wenn sie ein bereits vorgefaßtes Bild der Welt
bestätigen. Antiamerikanismus verleiht der Ahnung Gestalt, daß
hinter den verwirrenden Erscheinungen einer chaotischen Welt ein stimmiges
System walte.
Das Spezifische des
Antiamerikanismus ist damit allerdings nicht erklärt: die Tendenz
nämlich, sich gegen die Interessen seiner Protagonisten zu richten,
die in dem von Arendt im Nachkriegseuropa beobachteten Phänomen zum
Ausdruck kommt, eine Entwicklung als »Amerikanisierung«
abzulehnen, die »ihren Ursprung in der Gesamtgeschichte des Westens
hat (und) lediglich in Amerika erstmals einen Höhepunkt
erreicht(e)«.5 Zugespitzt ist diese Tendenz auch in den
Anschlägen des 11. September 2001 zum Ausdruck gekommen. Daß
Menschen bereit sind, für etwas ihr Leben zu opfern, das
außerhalb dessen liegt, was für sie selbst (oder ihre Freunde,
Verwandten, Glaubensgenossen) ein rationales Ziel darstellen könnte,
ist ein bekanntes Phänomen. Die verstörende Einsicht nach den
Anschlägen von New York und Washington jedoch war, daß der
suizidale Terror nicht die Tat einer Gruppe von Depravierten war, die
nachvollziehbare Gründe hätten, die Vereinigten Staaten zu
hassen, sondern den Eliten eines Landes entsprang, das über Jahrzehnte
als verläßlicher Verbündeter der USA galt; diese Eliten
würden ohne amerikanische Unterstützung kaum jenen Reichtum und
jene Macht genießen, mit denen sie den antiamerikanischen Terror
fördern.
Weit weniger radikal, doch
in ihrer Logik derjenigen der Attentäter verwandt, erscheint die
Politik der Bundesregierung. Beide sind von einer
»Selbstlosigkeit«, die den eigenen Schaden als Preis für
ein höheres Gut zu zahlen bereit ist. Die in der Losung »Nichts
tun, was den Krieg nachträglich legitimieren könnte« zum
Ausdruck gebrachte Hartnäckigkeit, mit der die Deutschen an ihrer
ursprünglichen Entscheidung auch dann noch festhielten, als der Krieg
gegen den Irak längst eine Tatsache war, ist nicht Teil einer
Verhandlungsführung, die den Preis in die Höhe zu treiben sucht,
sondern Ausdruck des unbedingten Willens, auch gegen die eigenen Interessen
konsequent zu bleiben. In demselben Maße, in dem
»Amerika« als subjektiv Verantwortlicher objektiver
Verhältnisse erscheint, löst sich der Antiamerikanismus vom
Ressentiment der Zukurzgekommenen und Frustrierten ab und hört auf,
schlichte Rationalisierung materieller Interessen zu sein. Unbedingte
Konsequenz ist dabei von zentraler Bedeutung für das Funktionieren des
Systems, weil erst sie Folgerichtigkeit herstellt und die innere Logik
wahrt. Einer der immer wiederkehrenden Vorwürfe an die Vereinigten
Staaten ist daher auch der der Inkonsequenz – sei es beim Streit um
den Internationalen Strafgerichtshof, bei der Frage der CO2-Emission oder
beim Irak. Kaum einem Kommentator scheint aufgefallen zu sein, wie
verrückt der Vorwurf an die USA ist, sie würden mit
»zweierlei Maß messen«, weil sie gegenüber Nordkorea
und dem Irak nicht dieselbe Politik vertreten.
Bereits dies weist darauf
hin, daß es sich beim aktuellen Antiamerikanismus um mehr handeln
könnte als lediglich um ein weiteres jener zahlreichen Ressentiments,
die man in Deutschland pflegt und an deren Zunahme man sich so gewöhnt
hat wie an das Abschmelzen der Polkappen. In Zahlen stellt sich dies so
dar: Während noch 1995 jede/r Zweite in den USA den besten Freund
Deutschlands sah, kamen nach einer Untersuchung des Allensbacher Instituts
für Demoskopie Anfang 2003 nur noch elf Prozent zu dieser
Einschätzung.6 Eine Forsa-Umfrage hat ergeben, daß jeder
fünfte Deutsche der offiziellen Version vom 11. September
mißtraut und fast genauso viele (19 Prozent) es für möglich
halten, daß die amerikanische Regierung die Anschläge selbst in
Auftrag gab.7 Dieser signifikante Erfolg des antiamerikanischen
Ressentiments liegt auch in seiner Einfachheit und Stimmigkeit
begründet. Daß die Vereinigten Staaten tatsächlich
über eine ökonomische und militärische Macht verfügen,
die wohl auf absehbare Zeit noch jeden anderen Staat weit hinter sich
läßt, und damit über größere Möglichkeiten,
wirtschaftliche und politische Interessen durchzusetzen, ist hierbei das
stärkste Argument. Im Ressentiment wird aus der Tatsache ein Beweis
und – eingebunden in ein System, das den Zustand der Welt aus dem
allwirkenden Willen Amerikas erklärt – selbst aus dieser
einfachen Wahrheit noch eine Lüge. Sie reicht offenkundig hin,
etlichen Millionen Menschen die komplizierte Politik des Nahen Ostens zu
»erklären«. Weil Lügen nirgendwo so sicher stehen wie
auf einem Stecknadelkopf Wahrheit, haben Enthüllungen über
amerikanische Spionagedienste und mehr oder weniger pikante Details aus dem
Privatleben der politischen Klasse der Vereinigten Staaten Konjunktur. Wer
sich wirklich die Mühe machen wollte, die aktuelle Sachbuchliteratur
nach Antiamerikanismen zu durchforsten, würde wahrscheinlich schon
beim Auflisten der Titel an ihrer Redundanz verzweifeln. Die Wahrheit
über Amerika ist das Geheimnis, das jeder kennt.
Es bedarf andererseits
keiner außergewöhnlichen Scharfsinnigkeit, um dem
antiamerikanischen Frühlingserwachen, das – wie Bernd Beier
zeigt – als eine Art zweites Augusterlebnis gefeiert wurde,
anzumerken, daß ihm die notwendige Dynamik fehlt, um eine Bewegung
mit Durchschlagskraft hervorzubringen. Nicht von ungefähr wurde der
Protest gegen den Irakkrieg von Leuten angeführt, die in der Regel das
Rentenalter längst erreicht haben. Zwar hörte man allenthalben
Klagen, die Alten machten der Jugend in den Friedenszirkeln keinen Platz,
sie zu verdrängen aber hatten die Jungen offenbar weder Kraft noch
Lust. Während in anderen Ländern die Antiglobalisierungsbewegung
wenigstens ein paar neue Gesichter vorzuweisen hat, erlebten in Deutschland
aus West und Ost die immer gleichen Alten ihren dritten
Friedensfrühling. Anders als die etwa gleichaltrigen Golfkriegsidole
Arafat, Yassin und Hussein brauchten aber Horst Eberhard Richter, Alfred
Mechtersheimer und Konstantin Wecker die Jugend nicht als Gegner zu
fürchten, den man besten bekämpft, indem man ihn in den
selbstgewählten Opfertod schickt. Aus freien Stücken fand sich in
Berlin eine halbe Million Demonstranten mit Schildern wie
»Schröder halte durch« ein, um mit Reinhard May zu singen.
Kaum ein Massenprotest der letzten Jahre erzeugte zugleich vergleichbar
wenig theoretische Auseinandersetzung. Als Jürgen Habermas für
eine neue »europäische Identität« in den Ring stieg,
rief das etwa soviel Erstaunen hervor wie die Nachricht, Dieter Bohlen
werde wieder heiraten. Die Dynamik, die nötig ist, um den Protest in
eine Bewegung zu transformieren, läßt sich damit nicht erzeugen.
Das macht: Eine Bewegung, deren Ziele gesellschaftlich bereits akzeptiert
sind, wird nicht gebraucht.
Dies wird hier nicht betont,
um die Texte des Buches vor dem Vorwurf des Alarmismus in Schutz zu nehmen.
Der neue europäische Antiamerikanismus, vor dessen Heraufkunft Hannah
Arendt Anfang der Fünfziger warnte, ist nicht deshalb relativ
wirkungslos geblieben, weil es an der Bereitschaft der Masse mangelte oder
gutes Zureden sie davon abgehalten hätte. Der von Arendt
befürchtete Konflikt zwischen dem alten Europa und Amerika wurde durch
den alles überlagernden Kalten Krieg lediglich entschärft. Der
Logik des Blockkonflikts entspricht nicht nur die doppelte Frontstellung,
die außer einer antiamerikanischen und einer antisowjetischen Haltung
lediglich die scheinbare Alternative des Neutralismus zuließ, sondern
auch jene erstaunliche Umkehrung der bekannten Verhältnisse, die dazu
führte, daß sich in Deutschland ausgerechnet konservative Kreise
positiv auf Amerika bezogen, während der Antiamerikanismus der Linken
und einigen Gruppen der extremen Rechten vorbehalten war.
Nicht nur ist diese
Zwangspause seit dem Ende des Kalten Krieges vorbei und damit die
Voraussetzung obsolet geworden, unter der bis dato internationale
Bündnisse und Institutionen gebildet wurden. Auch hat sich die
Konfliktlinie aus dem Zentrum Europas verschoben. »Amerika befindet
sich im Krieg mit den faschistischen Regimes im Nahen Osten und
totalitären islamischen Bewegungen.«8 Der »War on
Terror«, erklärte der ehemalige CIA-Chef James R. Woolsley, sei
der »Vierte Weltkrieg«. Woolsley, der sich in der Materie
auskennt, hat insofern recht, als der »Antiterrorkrieg«
mittlerweile fast alle anderen Konflikte in der Welt prägt und
polarisiert. Die Dynamik einer Bewegung, die die Charakteristika des
Antiamerikanismus – vom Verschwörungswahn bis zur
Selbstaufopferung – in materielle Gewalt umsetzt, existiert bereits.
Der antiamerikanische Djihad und der amerikanische »War on
Terror« sind längst eine Realität, der sich – wie im
Fall des Blockkonflikts – andere Konflikte unterordnen. Bei der
Weigerung Deutschlands, die US-Politik gegenüber dem Regime Saddam
Husseins zu akzeptieren, handelte es sich daher um wesentlich mehr als um
die Ablehnung eines »militärischen Abenteuers«. Daß
an ihm erstmals nach 1914 und 1938 die westliche Diplomatie scheiterte,
wird dem größenwahnsinnigen Diktator Hussein noch im Untergang
geschmeichelt haben.
Das vorliegende Buch handelt
deshalb nicht vom »Feindbild Amerika«. Wem es darauf ankommt,
die Eigenarten des antiamerikanischen Ressentiments in Deutschland zu
studieren, dem wird an anderer Stelle mehr Stoff geboten, als hier
auszubreiten war. Die zugrundeliegende These ist vielmehr, daß es
sich beim aktuellen Antiamerikanismus mehr als um falsches Bewußtsein
längst um eine politische Realität handelt, der mit ein wenig
Aufklärung und der heuristischen Trennung in Feindbild und
»berechtigte Kritik« nicht beizukommen ist. Wie auch der
grassierende Antisemitismus in Deutschland, der zum
»Antizionismus« wird, wenn man ihn beim Namen nennt, keineswegs
Ausdruck einer Ideologie ist, die im Marxschen Sinne als notwendiger
Überbau zu fassen wäre, so drückt sich im Antiamerikanismus,
der sich ganz ähnlicher Floskeln und Stereotype bedient, nicht
vorrangig das ökonomische oder geostrategische Interesse Deutschlands
oder Europas aus.
Wem zum Irakkrieg weiter
nichts einfällt, als daß es sich um einen innerimperialistischen
Konflikt um Öl handele, bei dem kühl kalkulierende Köpfe
Ideologie instrumentell einsetzten, scheint unter derselben Regression zu
leiden wie diejenigen, die glauben, Bushs Handeln und damit die
Außenpolitik der USA auf einen Vaterkomplex, ein religiöses
Schlüsselerlebnis oder Alkoholsucht zurückführen zu
können.
Flugzeuge in amerikanischen
Hochhäusern schaden zweifellos der amerikanischen Wirtschaft –
der deutschen nutzen sie damit noch lange nicht. An einem Scheitern der USA
im Irak kann ernsthaft niemand ein Interesse haben, der nicht die
Weltwirtschaft in Trümmer sehen will. Was die Bundesregierung sich von
einem Irak verspricht, der sich in einen failed state verwandeln
könnte oder zu einem Zentrum islamistischer Bewegungen, weiß
wahrscheinlich selbst das zuständige deutsche Außenamt nicht. Wo
Antiamerikanismus zur Realität wird, ist er sich selbst genug. Dem
rationalen Kalkül einer kapitalistischen Verwertungslogik
verschließt er sich, selbst wenn er innerhalb seiner eigenen Logik
höchst funktional und rational erscheint. So entwerfen die
Strategiepapiere der Al-Qaida mit einer kühlen Rationalität ein
auf Jahrzehnte angelegtes Programm mit dem Ziel einer endgültigen
Niederlage der Vereinigten Staaten. Was fehlt, ist einzig der letzte Punkt,
der beschreibt, was dann folgen soll.
Ein Teil dessen, was zum
antiamerikanischen Ressentiment gehört, blickt auf eine akzeptable
Geschichte zurück: etwa zwei Jahrzehnte. Als US-Präsident Reagan
in den achtziger Jahren begann, die »amerikanische Mission«
mittels Konterguerilla, Solidarnosc und Mujahedin überall auf der Welt
zu verbreiten, war er überzeugt, damit von einer als defensiv
wahrgenommenen Politik der USA, die auf die »kommunistische
Bedrohung« lediglich reagiere, zu einer offensiven Politik
überzugehen, mittels derer die Sowjetunion und ihre Verbündeten
in die Knie gezwungen werden sollten. Wenn heute George W. Bush oder
Condoleeza Rice von »Freedom & Democracy« reden, fühlt
man sich ungut an diese »Liberation Policy« der
Reagan-Administration und den »American Djihad« in Afghanistan
erinnert. Es ist daher wichtig festzustellen, daß nicht die USA sich
verändert haben, sondern ihre Gegner, wenn nach einem
Militärerfolg die Wallstreet jubelt und wenn bei diesem
Militärerfolg nicht etwa ein gewählter sozialistischer
Präsident umkam, sondern Mitglieder eines Terrorregimes, dessen
Führer Hitlers Mein Kampf zum lesenswertesten Buch des 20.
Jahrhunderts erklärte und Zehntausende Kommunisten auf dem Gewissen
hat.
Heute wie damals verbinden
sich mit der amerikanischen »Mission« vitale nationale
Interessen; die angestrebte Demokratisierung des Irak folgt sowenig
philanthropischen Anwandlungen wie die zuvor erfolgte Totrüstung der
Sowjetunion. Wie diese einst durch systematische Unterstützung der
Solidarnosc geschwächt wurde, so streben die USA nun eine Neuordnung
des Nahen Ostens an. Nicht weil sie plötzlich Berichte von Amnesty
International zur Menschenrechtslage in der arabischen Welt zur Richtschnur
ihrer Außenpolitik gemacht haben, sondern weil der 11. September der
US-Administration die Einsicht aufgezwungen hat, daß nur eine
Beseitigung der Diktaturen im Nahen Osten ein Ende des islamischen Terrors
(und damit die Sicherung ihrer Interessen) verspricht. Es geht ihr dabei
sehr wohl um die Bekämpfung seiner Ursachen, die in einem Amalgam aus
islamistischem Wahn und panarabischer Herrschaft lokalisiert werden, dem
sie mit konventionellen Mitteln von Diplomatie oder Außenpolitik
nicht mehr beikommen zu können glaubt. Entgegen der hierzulande
geläufigen Wahrnehmung, Saddam Hussein oder Ussama bin Laden seien
lediglich ein anderer Ausdruck der herrschenden Weltordnung, desselben
kapitalistischen Diktats, allerdings unter den Bedingungen der
Elendsverwaltung, setzen die USA auf die Demokratisierung des Nahen Ostens
in einer Tradition, an die man sich in Deutschland nur ungern erinnert: die
Zerschlagung des Nationalsozialismus und des japanischen Militarismus sowie
den darauf folgenden demokratisch-kapitalistischen Wiederaufbau beider
Länder. Wenn ein ehemaliger CIA-Chef sich heute als kämpferischer
Antifaschist gibt, so ist das keineswegs nur eine lächerliche Pose,
sondern der durchaus ernstgemeinte Versuch, an die Tradition des
angloamerikanischen Antifaschismus anzuknüpfen. So wenig wie damals
beruht dieser heute auf der Schaffung einer herrschaftsfreien Gesellschaft,
sondern – wie Christian Knoop zeigt – auf der Vorstellung,
wonach die Freiheit des Bürgers an die des Marktes gebunden ist. Wer
allerdings, wie der eingangs zitierte Oberstleutnant Rose, dazu aufruft,
alles zu unternehmen, damit die USA scheitern, und in der US-Administration
nur »Stupid White Men« erkennt, die aus »maßloser
Gier fremde Völker ausplündern«, hat sich, willentlich oder
nicht, gegen den von Woolsley propagierten Antifaschismus positioniert.
Wenn das »Telos des
Kapitals« seine eigene Aufhebung in der Barbarei ist, so lautet
gegenwärtig die verwirrende Erkenntnis, daß gerade diejenigen,
die sich der Verbreitung des Kapitalismus verschrieben haben und in oft ans
Zynische grenzender Naivität erklären, mehr Markt löse die
Probleme der Menschheit, sich der Barbarei, die heute im radikalen Islam
ihren zeitgemäßen Ausdruck findet, entschlossener
entgegenstellen als diejenigen, die in vermeintlich antikapitalistischer
Manier zum Kampf gegen die USA mobilisieren. Der Skandal, daß Woche
für Woche Tausende Kinder verhungern und Millionen Menschen mit
weniger als einem Dollar pro Tag ihr Leben zu fristen gezwungen sind, wird
zur Basis einer Lüge und zu Ideologie, wenn der Hinweis auf ihn zur
Legitimation der Suicide Bombings verwendet wird. Wem am 11. September
nichts einfiel als die verhungernden Kinder in der Dritten Welt,
reproduzierte die dem Kapitalismus inhärente Barbarei weit eher noch
als jene Freedom Fighters im Lager der berüchtigten Neokonservativen,
deren marktwirtschaftliche Utopien an der Realität genau dieser
Marktwirtschaft zerschellen. Im Spannungsverhältnis zwischen Anspruch
und Wirklichkeit liegt noch das Versprechen auf Veränderung verborgen,
das einzulösen der Kommunismus einst antrat.
Fast scheint es, als
müsse das Diktum Horkheimers, vom Faschismus solle schweigen, wer vom
Kapitalismus nicht reden wolle, erweitert werden: Vom Faschismus solle
ebenso schweigen, wer vom Antikapitalismus nicht reden wolle. Die
antikapitalistischen Feinde der USA verhalten sich mittlerweile wie die in
Syrien offiziell geduldete Kommunistische Partei, die nun zum bewaffneten
Kampf gegen die Amerikaner im Irak aufruft. Vom Kommunismus als Assoziation
freier Produzenten hat diese Partei so wenig einen Begriff wie ihre
islamistischen Kollegen.
Die Kluft, die heute
zwischen Amerika und jener losen Allianz der Antiamerikaner besteht,
schlägt sich am augenfälligsten nieder in der völligen
Gegensätzlichkeit der Wahrnehmung, wie sie am Beispiel des
Irakkonflikts deutlich wurde. Die hier zutage getretenen Differenzen
reichen wesentlich tiefer als lediglich bis zu Problemen der Strategie, der
Einbindung der Vereinten Nationen oder multilateraler contra unilateraler
Politik. Grundsätzlich in Frage gestellt wurde in den Vereinigten
Staaten, daß unter Wahrung der bestehenden politischen
Verhältnisse im Nahen Osten die islamistische Bewegung und mit ihr der
antiamerikanische Terror wirksam bekämpft werden können. Das
bestehende System nahöstlicher Herrschaft, das aus der Zeit der
imperialistischen Great Games der europäischen Mächte
übernommen wurde, hat nicht nur die Herausbildung bürgerlicher
Gesellschaften in den arabischen Staaten unterdrückt, sondern auch
– entgegen der geläufigen Wahrnehmung von einer
vollständigen imperialistischen Durchdringung – den
nahöstlichen Markt weitgehend abgeriegelt. Die amerikanische
Überzeugung vom Erfolg des Konzeptes eines Regime Change liegt
zweifellos auch darin begründet, daß es so gegensätzliche
Positionen wie den auf Wahrung amerikanischer Interessen ausgerichteten
politischen Realismus mit einem Liberalismus verknüpft, der die
»Freiheit« des Individuums auf dem Markt als Voraussetzung
bürgerlicher Freiheiten propagiert. So handelt es sich bei der von den
Neokonservativen in der US-Administration vertretenen Politik nicht, wie
hierzulande gerne unterstellt, um eine christlich-fundamentalistische oder
rechtsextreme Variante des America first, sondern vielmehr um ein
außenpolitisches Programm, das in den Vereinigten Staaten selbst eher
dem Vorwurf eines blinden Idealismus ausgesetzt ist als dem, amerikanischen
Interessen zu dienen.
Es ist die seit dem 11.
September 2001 unübersehbar gewordene Gefahr, die von einem militanten
Antiamerikanismus ausgeht, und die Entdeckung, daß dieser von
verbündeten Staaten wenn nicht offen unterstützt, so doch
toleriert wird, die dazu geführt haben, daß die Mehrheit der
Analysten in den Vereinigten Staaten einen grundlegenden Wandel der
politischen Verhältnisse im Nahen Osten für nötig hält.
Zu diesen Analysten gehören auch Autoren wie Stephen Schwartz, Elliot
Neaman und Barry Rubin, die das innerhalb des Nahen Ostens herrschende
System antiamerikanischer Projektionen ebenso zum Gegenstand ihrer Kritik
machen wie die amerikanische Nahost-Politik der letzten Jahrzehnte. Ihnen,
wie allen anderen Autoren, sei an dieser Stelle für die Mitarbeit an
diesem Buch gedankt.
Anmerkungen
1 Hannah Arendt: Europa und
Amerika – Traum und Alptraum. Antiamerikanische Gefühle auf dem
Weg zu einem europäischen Ismus, in: Zur Zeit, S. 71.
2 Vgl. z.B. Joachim Krause:
»Auf der Basis von Fehlperzeptionen sind in Berlin und Paris
während der Irak-Krise Entscheidungen gefallen, die das
transatlantische Verhältnis ohne Not an den Rand des Abgrunds
geführt haben.« (Siehe Anm. 3).
3 Joachim Krause: Die
transatlantischen Beziehungen seit dem Ende des Kalten Krieges, in: Kieler
Analysen zur Sicherheitspolitik, Nr. 9, Mai 2003, S. 23.
4 Gerne wird vergessen,
daß die Vereinigten Staaten über ein Jahrhundert lang den Traum
der unteren Klassen darstellten und den Alptraum der europäischen
Bourgeoisie. Auch kommunistischen Intellektuellen galt Amerika – und
nicht das alte Europa – als Vorbild. »Den Fernen Osten
verwandelt Rußland in den Fernen Westen. An den steingrauen
Leichenhallen von Paris oder London vorbei blickt es weiter. Nach der
großartigen Voraussage des Dichters Alexander Blok wird über ihm
aufgehen ›DES NEUEN AMERIKA STERN‹.« Ilja Ehrenburg:
Und sie bewegt sich doch. Baden/Schweiz 1986, S. 31.
5 Arendt, aaO., S. 87.
6 »FAZ«,
19.3.03.
7 »FAZ«,
24.8.03.
8 James Woolsey: At war for
freedom, in: »Observer Worldview« (UK), 20.7.03